Die eigentliche Dramatik der Partie SV Werder Bremen II gegen HSG Verden-Aller II begann streng genommen nicht mit dem Anpfiff, sondern bereits in der Nacht zuvor. Denn während andere sich professionell auf ein Handballspiel vorbereiten, entschied ich mich offenbar für ein eher experimentelles Treppentraining — mit unerquicklich eindeutigem Ausgang. Ergebnis: Torwarteinsatz gestrichen, Körper angeschlagen, Laune ausbaufähig.

Besonders pikant daran: Ursprünglich war vorgesehen, dass ich das Spiel allein im Tor bestreite. Mein Torwartkollege Joscha Eilers war nämlich zunächst anderweitig verplant — und zwar nicht etwa mit Regeneration, Videoanalyse oder mentaler Vorbereitung, sondern mit einem Arbeitseinsatz in unserer Stammkneipe. Manchmal schreibt der Amateurhandball eben Geschichten, bei denen selbst Drehbuchautoren sagen würden: „Ein bisschen drüber.“
Doch dann geschah das erste kleine Wunder des Wochenendes: Christian Fuchs, Wirt unserer Stammkneipe und damit an diesem Tag eine Art Mäzen des Handballsports, verzichtete großzügig auf Joschas Arbeitskraft. Eine Entscheidung, die man aus SVW-Sicht vermutlich in goldenen Lettern irgendwo an die Hallenwand schreiben müsste. Joscha konnte also über die komplette Spielzeit zur Verfügung stehen — was angesichts meiner sehr unfreiwilligen Ausbootung durch die heimische Treppe auch eine eher entscheidende Entwicklung war.
Und weil im Handball bekanntlich selten nur ein Ereignis für Chaos sorgt, zog Joschas Anwesenheit gleich die nächste glückliche Fügung nach sich: Sein Bruder Mathis war ebenfalls mit in der Halle und durfte umgehend eine Schlüsselrolle übernehmen — als Sekretär am Zeitnehmertisch. Das war auch bitter nötig, denn außer mir als Edelfan mit Frischverletzung war schlicht niemand da, der diese Aufgabe hätte übernehmen können. So wurde aus einem normalen Sonntagsspiel allmählich eine Mischung aus Sportveranstaltung, Familienbetrieb und logistischer Notoperation.
Als sich die Lage gerade halbwegs zu stabilisieren drohte, meldete sich dann glücklicherweise die Technik zu Wort. Oder besser gesagt: Sie verweigerte jede Mitarbeit.
Die digitale Software nuScore ließ sich nicht dazu überreden, unseren Spielbericht zu laden. Vermutlich hatte auch sie erkannt, dass dieses Spiel nicht für gewöhnliche Abläufe bestimmt war.
Also wurde nach Rücksprache mit dem Schiedsrichter auf ein Mittel zurückgegriffen, das im modernen Handball ungefähr denselben nostalgischen Charme versprüht wie Wählscheibentelefone oder VHS-Kassetten: das gute alte Formular in Papierform.
Für die jüngeren Beteiligten war das vermutlich eine Begegnung mit einem Relikt aus längst vergangenen Zeiten. Für die älteren Handballhaudegen hingegen war es eine kleine Reise zurück in eine Epoche, in der Spielberichte noch mit Kugelschreiber geführt, per Hand ausgewertet und anschließend an den Verband geschickt wurden. Damals wurden auf diesen Bögen nicht nur Spiele dokumentiert, sondern gefühlt gleich ganze handballerische Lebensläufe, Tabellenstände und halbe Vereinsgeschichten konserviert.
Nun sind solche Formulare bekanntermaßen nicht unbedingt auf den ersten Blick selbsterklärend. Eher im Gegenteil: Wer sie das erste Mal sieht, hat schnell das Gefühl, versehentlich die Steuererklärung eines kleineren Bundeslandes vor sich zu haben. Doch glücklicherweise hatten wir genügend erfahrene Handballveteranen vor Ort, die sich noch an diese antiken Schriftstücke erinnern konnten und nicht sofort in Panik verfielen.
So dauerte es am Ende alles ein wenig länger, bis der Schiedsrichter die Partie tatsächlich anpfeifen konnte. Aber schon vor dem ersten Ballkontakt war klar:
Dieses Spiel würde kein gewöhnliches werden.
Und wenn der Start eines Handballnachmittags bereits aus Treppensturz, Kneipenrettung, Familien-Notbesetzung und analoger Zeitreise besteht, dann darf man durchaus von einer würdigen Bühne für einen denkwürdigen Spieltag sprechen.
Spielbeginn
Wer nach all dem organisatorischen Vorgeplänkel auf einen wilden handballerischen Schlagabtausch gehofft hatte, wurde zunächst auf angenehm altmodische Weise enttäuscht.
In den ersten vier Minuten fiel nämlich überhaupt kein Tor. Gar keins. Null. Nada.
Die Angreifer beider Mannschaften bemühten sich redlich, den Ball im Netz unterzubringen, doch entweder standen die Torhüter im Weg oder Pfosten und Latte erinnerten alle Beteiligten daran, dass auch Aluminium an diesem Nachmittag eine tragende Rolle spielen wollte.
So entwickelte sich die Anfangsphase zu einer kleinen Hommage an den Handball vergangener Tage. Keine torreiche Ballerei, kein Scheibenschießen im Fünf-Sekunden-Takt, kein Zwischenstand, der eher an ein Basketballspiel erinnert. Stattdessen bekam das Publikum einen Spielbeginn serviert, der sich wohltuend in die Tradition jener Begegnungen einreihte, bei denen ein 20:20 noch als völlig normales Handballergebnis durchging — und nicht als Halbzeitstand.
In Zeiten, in denen man sich mitunter fragt, ob beim modernen Handball überhaupt noch verteidigt wird oder ob man sich stattdessen höflich mit Tempogegenstößen abwechselt, wirkte diese torlose Anfangsphase beinahe wie eine sportliche Protestnote gegen den Zeitgeist. Tore waren offenbar erstmal nicht vorgesehen. Zumindest nicht ohne ernsthafte Diskussion mit den Torhütern und dem Torgestänge.
Einen ganz wesentlichen Anteil an dieser unerquicklich torarmen Anfangsphase hatte auf Seiten der HSG Verden-Aller ein Mann, bei dem man das Wort „Routine“ nicht einfach nur so dahinsagt, sondern beinahe ehrfürchtig flüstert: Bernd Rengstorf, 64 Jahre alt.
Während anderswo in diesem Alter vielleicht der gemütliche Sonntagskaffee und ein guter Platz auf der Tribüne locken, stellte sich Bernd lieber selbst ins Tor — und zwar nicht als nostalgisches Maskottchen, sondern als höchst wirksames Handballhindernis.
Dabei ließ er mehr als nur erahnen, dass er in früheren Zeiten deutlich höherklassig unterwegs gewesen sein muss. Was andere mühsam trainieren, schien bei ihm auch Jahrzehnte später noch ganz selbstverständlich vorhanden zu sein: Stellungsspiel, Ruhe, Übersicht und diese leicht demotivierende Ausstrahlung, die ein Torwart entwickelt, wenn er Angreifern schon beim Abschluss das Gefühl gibt, dass sich der Versuch eigentlich kaum lohnt.
Kurz gesagt: Bernd Rengstorf war an diesem Nachmittag nicht gekommen, um einem netten Kreisklassen-Nachmittag beizuwohnen. Er war gekommen, um allen Beteiligten noch einmal eindrucksvoll vor Augen zu führen, dass Klasse eben nicht verschwindet — sie wird allenfalls ein bisschen grauer.
Trotz aller Bemühungen, trotz Heimvorteil und trotz des durchaus vorhandenen Eindrucks, eigentlich die bessere Mannschaft zu sein, lief der SV Werder Bremen II in der ersten Hälfte der ersten Halbzeit zunächst einmal dem Rückstand hinterher. Man hatte also früh das zweifelhafte Vergnügen, einem Spielverlauf zuzusehen, bei dem man sich als Heimmannschaft regelmäßig dachte: Eigentlich müssten wir das hier doch im Griff haben — nur um kurz darauf wieder festzustellen, dass die Anzeigetafel eine gewisse eigene Meinung entwickelt hatte.
Erst gegen Mitte der ersten Halbzeit, nein, wenn man ehrlich ist: eher gegen Ende der ersten Halbzeit, gelang es endlich, die Verhältnisse auch zahlenmäßig etwas gerechter zu gestalten. Mit dem 10:10 war der Ausgleich geschafft, und plötzlich bekam die Partie aus Werder-Sicht doch noch die Richtung, die man sich von Anfang an erhofft hatte. Noch schöner wurde es dann unmittelbar vor dem Pausenpfiff, als wir sogar auf 11:10 erhöhen konnten und damit aus einer längeren Aufholjagd doch noch eine Halbzeitführung bastelten.
Maßgeblichen Anteil an dieser kleinen handballerischen Machtübernahme hatten vor allem Marinus Pfaff auf Rückraum links und Lenz Albrecht auf Rechtsaußen. Während andere noch damit beschäftigt waren, sich durch die zähe Anfangsphase zu arbeiten oder an Torwart und Aluminium zu verzweifeln, übernahmen die beiden zunehmend Verantwortung und sorgten dafür, dass aus einem ständigen Hinterherlaufen endlich ein Spiel wurde, in dem Werder auch auf der Anzeigetafel dort stand, wo man sich selbst eigentlich schon länger gesehen hatte.
2.Halbzeit
In der zweiten Halbzeit ließ sich der SV Werder Bremen II die Butter dann nicht mehr vom Brot nehmen. Und das ist in diesem Fall nicht bloß eine der üblichen sportlichen Floskeln, die man nachher pflichtschuldig in jedes Mikrofon murmelt, sondern beschreibt den Spielverlauf ziemlich treffend. Der Vorsprung wurde relativ zügig ausgebaut, weil wir vorne nun etwas zuverlässiger trafen und hinten vor allem eines taten: endlich konsequent verstehen, was Verden da eigentlich die ganze Zeit vorhatte.
Denn das Angriffsspiel der Gäste hatte über weite Strecken etwas angenehm Vorhersehbares. Im Grunde lief es beinahe in Dauerschleife nach demselben Muster ab: Der eher kleine Mittelmann kreuzte vor seinem Halbspieler, legte den Ball in hohem Bogen nach oben ab, und dann sollte der groß gewachsene, sprungstarke Rückraumshooter mit ordentlich Anlauf den Abschluss besorgen. Ein Spielzug, der sicherlich auf dem Taktikbrett beeindruckend aussieht, in der Praxis aber irgendwann den Nachteil hat, dass ihn auch der Gegner erkennt — besonders dann, wenn er zum zwölften Mal in fast identischer Form vorgetragen wird.
Hinzu kam, dass die Pässe häufig so hoch angesetzt waren, dass unsere Abwehr mehr als genug Zeit hatte, sich sortiert aufzustellen und den Block sauber zu setzen. Und wenn der Ball dann doch noch den Weg Richtung Tor fand, stand unser Keeper in vielen Situationen bereits genau dort, wo er stehen musste.
Man könnte auch sagen: Verden investierte viel Mühe in die Vorbereitung seiner Würfe, nur um dann festzustellen, dass Werder den Lösungsweg schon vorher mit Bleistift ins Heft geschrieben hatte.
Natürlich blieb es in so einer Partie nicht völlig ohne Zeitstrafen. Einige Zwei-Minuten-Strafen auf beiden Seiten gehörten mit dazu, wie es sich für ein ordentliches Handballspiel gehört. Insgesamt verlief die Begegnung aber ausgesprochen friedlich, fair und angenehm unaufgeregt. Das lag auch an einem Schiedsrichter, der die Partie mit einer erfreulich lockeren und umsichtigen Art leitete — was man im Handball bekanntlich fast schon als sensationelle Randnotiz erwähnen muss. Und das, bemerkenswerterweise, dürfte vermutlich sogar beide Seiten ähnlich gesehen haben.

unten v.l. Tamim Rahabi, Frank Supper, Chris Piel, Tobias Kretschmann
Die ganz offizielle, völlig unseriöse Torstatistik
- Chris Piel: 1
- Thomas Niemeier: 0
(bei gefühlten 17 Versuchen) - Lenz Albrecht: 4
(bei gefühlten 28 Versuchen) - Marinus Pfaff: 6
- Ben Bornhorst: 2
(nicht gefangene Pässe: 78) - Olav Grundmann: 1
(dieser Ball ist vermutlich immer noch unterwegs) - Thorsten Rolfs: 4
(diesmal sogar ohne Aua an den Fingern) - Johnny Schluckebier: 1
- Uwe „Hasso“ Hasselberg: 2
(Redezeit auf dem Feld ebenfalls: 2 Halbzeiten) - Frank Supper: 1 Tor
erzielt durch eine Lücke, in die ohne weiteres ein römischer Streitwagen gepasst hätte.
Und dann, ganz zum Schluss, mit angemessenem Trommelwirbel, leichtem Raunen in der Halle und maximaler Dramatik das letzte Tor vom wichtigsten Mann im Team, unserem Trainer und Trainingsvorbereiter und Überwacher der obersten Direktive unseres Team:
Tobias Kretschmann: 1
Es war vom Zeitnehmertisch aus herrlich zu sehen, wie er 10 Sekunden vor Schluss den Ball auf Links Außen erhaltend überlegte, ob er sich es leisten dürfe, jetzt zu werfen. Dem Spielstand gedankt, hat er die richtige Entscheidung und das Tor getroffen.
Damit war dann auch statistisch endgültig alles gesagt, was man über diese Begegnung wissen muss. Zahlen lügen bekanntlich nie — außer natürlich in genau solchen Fällen. Aber wenn ein Spiel schon mit Treppensturz, Kneipenrettung, analogem Spielberichtsbogen, torloser Anfangsphase und einem 64-jährigen Torwart-Oldie beginnt, dann darf es am Ende auch eine Statistik geben, die mehr Unterhaltungswert als Beweiskraft besitzt.
Ein besonderer Dank geht an folgende Personen, ohne deren Leidenschaft für die schönste Hauptsache der Welt (Fortpflanzung) und wichtigste Nebensache der Welt (Handball), dieses Event so nie stattfinden hätte können:
- Jutta Eilers
- Steffen Eilers
- Christine Albrecht
Danke.


